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Emotionaler Zeigefinger

01.05.2010
/pages/de/presse/103.htm
akT.13
SAVAGE SOUL CONTE MPOR ARY DANCE THE ATRE IN DER BÜHNE DER KULTUREN

Männer können ja so fies sein. Drei üble Facetten von ihnen zeigt ein Tänzer (Flo Dietherich) pantomimisch direkt am Anfang des Stücks: der pöbelnd Schreiende, der Gewalttätige und der Machohafte. Hinter drei Metallgerüsten, die als Fenster dienen, gibt er einen grobschlächtigen Fußballproll, schlägt die Hand in seine Faust oder legt sie an sein Geschlechtsteil.

Männer kommen in „Acts of Faith“ von der Choreografin und Tänzerin Karen D. Savage nicht gut davon, sie zeichnen sich vor allem durch Gewalttätigkeit aus: Auf der Bühne zerrt und zieht der Mann immer wieder an den Frauen und wirft sie auf den Boden. Auch danach geht es düster und moralisch aufgeladen zu: „Welcome to the show“ ruft da eine Art Hohepriesterin (Marie Enganemben, gekleidet in einem weißen, wallenden Kleid und glitzerndem Kreuz auf dem Rücken. Sie ist die Moderatorin, die den Zuschauern die Augen öffnen möchte. Sogleich stellt sie ihre Protagonistinnen vor: Physical, Sexual and Emotional.

Drei Frauen, die sich hinter ihrem makellosen Erscheinungsbild versteckten und sich in Wahrheit doch einsam fühlten, so die Moderatorin. Unter rotem Spot-Licht zeigen die Tänzerinnen ihre Leidens-Soli: Die Erste hat mit harten Drogen zu kämpfen und macht Armbewegungen, als würde sie sich eine Spritze setzen, die Zweite erzählt vom Alkohol und die Dritte zeigt die leere, gefaltete Decke, in der wohl mal ein Baby liegen sollte. Zwischendurch redet die Hohepriesterin in gewollt klingendem American-English mit erhobenen Händen auf die Zuschauer ein: „Voller Mitleid oder auch Verachtung schauen wir auf Obdachlose, die auf der Straße sitzen…aber fühlen wir uns nicht selbst manchmal ,homeless‘?“ Es wirkt, als hätten die Akteuredas ganze Leid der Erde auf ihre Schultern genommen: Oft tanzen sie in Demutshaltung, rollen sich auf dem Boden und recken verzweifelt die Hände nach oben. Die triefende Emotionalität in Texten und Tanz ist schwer zu ertragen. Inneren Frieden scheinen die Gequälten erst zufinden, als sie der Reihe nach ein federleichtes Solo tanzen dürfen. Endlich können sich die Beine wie befreit grazil in die Höhe strecken und die Füße luftige Pirouetten auf Spitzenschuhen drehen. Und die Wurzel allen Übels – der Mann? Auch er darf noch ein bedeutungsschwangeres Solo tanzen, mit hängendem Kopf und geknicktem Körper scheint es, als würde er sich immerhin grämen. Schade nur, dass man bei so viel Emotionalität und moralischem Anspruch nicht viel Neues über das komplizierte Verhältnis von Mann und Frau erfährt. STEPHANI E BECKER