Newsletter Anmeldung

 Austragen
Unsere Sponsoren:
Ein Link zu unserem Sponsor

Esmeray - Die schwarze Möndin (ein Erlebnisbericht aus Istanbul)

02.03.2008
/pages/de/inszenierungen/666.htm
goethe.de - Yakin Bakis - türkisch-deutsches Stadtschreiber-Projekt
Istanbul 2.3.2008
Gleich am ersten Abend werde ich wieder hineingezogen in die Kavernen dieser Stadt, unwiderstehlich. Es gibt auch keinen Grund, zu widerstehen, im Gegenteil, ich lege es geradezu darauf an ‚hineingezogen’ zu werden.
Freunde, besser gesagt, Freundinnen, nehmen mich mit nach Beyoglu (quasi in die Innenstadt), in eine Seitenstraße der Istiklal caddesi, der eindrucksvollsten Flaniermeile Istanbuls. Und dort in ein Haus, dessen Steintreppen sich im Laufe der Jahre gebuckelt haben, so dass man auf seine Knöchel achten muss. Mit verschwörerischen Blicken lässt man mich wissen, dass wir zu einer Transvestitenshow gekommen sind. Es ist kurz nach sieben, das Programm beginnt um acht, die Karten müssen wir erst lösen.

Wir sitzen in einem schummrigen Raum, trinken das Bier, das uns mit der Eintrittskarte ausgegeben wurde und versuchen uns vorzustellen, was uns erwartet. Wir, das sind zwei Türkinnen, eine Japanerin, zwei Deutsch(innen), ein kurdischer Finanzbeamter und ich, die ich aus Österreich stamme. Jemand will gehört haben, dass ‚Schwarze Möndin’, wie der oder die Transsexuelle sich nennt, ihr Publikum nicht verschonen und es – im Zweifelsfall insistierend – in ihr Programm einbeziehen würde. Das erzeugt angenehmes Gruseln, und ich ergehe mich in Fantasien von einer Dragqueen, deren Wimpern so lange wie die Haare eines Rougepinsels sind.
Kurz nach acht werden wir in einen weiteren düsteren Raum gebeten. Außer uns sind noch weitere Frauen da.

Erst bemerkt man sie gar nicht, hält die Gestalt, die sich im Bühnenbereich an einem Korb mit gefüllten Miesmuscheln zu schaffen macht, für eine Betreuerin, die noch rasch nach den Requisiten sieht, doch sie ist es schon, ‚Schwarze Möndin’, und selten hat ein Name so wenig zu seiner Trägerin gepasst. Mit der Biederkeit einer ländlichen Hausfrau, die die nach dem ersten Kind verbliebenen Kilos noch nicht abgespeckt hat, streift sie das halblange Haar zurück.

Die Düsterkeit bleibt in der Beleuchtung wie in der Geschichte, die ‚Schwarze Möndin’ von sich erzählt. Sie stammt aus Kars, der Stadt in der der Roman ‚Schnee’ von Orhan Pamuk spielt, ist kurdischer Herkunft und in vielen Jobs tätig gewesen, meist nur vorübergehend, aus diesen und jenen Gründen, die wohl alle mit ihrem Anderssein zu tun haben.

Von unten dröhnt unüberhörbar Disco-Musik herauf, gegen die anzusprechen auch größere Schauspieler vor eine schwierige Aufgabe gestellt hätte. Keine Rede von aggressivem Publikumskontakt, nur einmal, als der einzige Mann unter uns hinausgeht, um sich ein Glas Raki zu holen, spricht ‚Schwarze Möndin’ ihn persönlich an und fragt, ob ihm nicht gefalle, was sie erzählt. Doch erst als unser kurdischer Freund meint, bei so vielen anwesenden Frauen, müsse ‚Schwarzer Mond’ doch auf seiner Seite sein, lässt sie ihn messerscharf abblitzen.


Foto und Copyright: Ulker Sayin Da geht nichts mit Gigi und Frufru, mit Straußenboa und high heels, es erzählt ein Mensch, dessen Hormone aus dem Ruder gelaufen sind, seine unalltäglich-alltägliche Geschichte. Erzählt von seiner Bleibe in Tarlabasi, wo ursprünglich vor allem Roma siedelten, dann kamen Kurden und jetzt Flüchtlinge aus dem Irak. Erzählt von den Kopfnüssen, die sämtliche Karser Familienmitglieder dem vermeintlichen kleinen Jungen verpassten, der sich die Zeit mit stricken vertrieb, erzählt von dem Jungen, der ständig den Vorwurf zu hören bekam, er sähe aus wie ein Mädchen, dabei wünschte er sich nichts so sehr, als auszusehen wie ein Mädchen. Erzählt über die wummernde Discomusik hinweg bis zu uns herüber und erreicht uns - ganz und gar.

Nach der Vorstellung setzt sich ‚Schwarze Möndin’ noch zu uns. Ich frage sie, ob der Mangel an Beleuchtung Absicht wäre, und wenn ja, zu welchem Zweck. Erst jetzt bemerke ich ihre rotlackierten Fingernägel. Ich hätte Sie gerne deutlicher gesehen, sage ich. Sie zögert ein wenig. Das sei ein Problem, meint sie, und so wie sie das sagt, ist anzunehmen, dass dabei auch das Finanzielle eine Rolle spielt.

Sie bietet uns von den gefüllten Miesmuscheln an, und wir fallen geradezu darüber her. Die konzentrierte Aufmerksamkeit hat uns hungrig gemacht. ‚Schwarze Möndin’ verkauft diese Muscheln tagsüber, sozusagen im Brotberuf. Als sie gegangen ist, fragen wir uns, was von den 15 Türkischen Lira bleibt, wenn das Bier, die Muscheln und die Saalmiete abgezogen sind.

‚Haben Sie Mut?’ steht auf einem der Plakate, die ‚Schwarze Möndin’ ankündigen. Sie selbst braucht und hat ihn, um ihre Stimme hörbar zu machen. Auch wenn der Lack von ihren Fingernägeln bereits abblättert, wie sie mit einem genanten Lächeln zugegeben hat.