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Tanya Ury - 'Die Sinne' - multimediales Erlebnis

17.10.2009
Kölner Stadt-Anzeiger vom 06.04.2000/Sabine Müller
In Focus - Gespannte Gefühle - Letzter Teil der Trilogie „Frauen-Blicke“

Die Trilogie „Frauen-Blicke“ konfrontiert im dritten Teil Anna Halm-Schudel (CH) und Tanya Ury (UK/D). Ein nicht unbeträchtlicher Reiz dieser Doppelausstellung steckt in der unterschiedlichen Anwendung fotografischer Mittel, mit der einem gemeinsamen Thema/Trauma nachgespürt wird. Die Formulierung weiblicher Identität – ob als introspektive, sehr private Selbstbefragung (Anna Halm-Schudel) oder als Auseinandersetzung mit kulturellen Überformungen (Tanya Ury) – ist beide Mal Ausdruck einer gespannten, heftig an Grenzen rüttelnden Gefühlslage.

Anna Halm-Schudel sucht Erkenntnis durch ruhige, in ihrer formalen Geschlossenheit sehr strenge, meditative Bilder. Der verhaltene Ausdruck dieser Schwarzweißfotografien wirkt geradezu obsessiv melancholisch, die schonungslose Auseinandersetzung mit der eigenen Person stellt sich als schmerzhafter Prozess dar. In der trostlosen Szenerie spiegelt sich die innere Seelenlandschaft: deprimierende Hotelzimmer, Krankenzimmer, leere Strände. Gebrochen wird diese traurige Grundstimmung durch bizarre, beinahe clowneske Einfälle, mit denen auf rührende Weise versucht wird, eine gewisse Distanz herzustellen.

Gegen die zerbrechliche Fragwürdigkeit der eigenen Identität bei Anna Halm-Schudel wirkt Tanya Urys Beitrag zunächst sehr selbstbewusst. Die Frau erscheint hier im „Bannkreis“ von Erotik und Begehren. Verschiedene Ebenen, Bild, Text und auch ein Duft vermitteln etwas von der intermedialen Arbeitsweise Tanya Urys. Der Titel des mehrteiligen Zyklus „Ô d’Oriane“ bezieht sich sowohl auf Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“ als auch auf „Die Geschichte der O“ und Kleists „Marquise von O“. Aber es stecken noch eine Menge andere Bedeutungen in dieser Wortbildung, so das amerikanische „odor“ für Duft oder das französische „or“ für Gold. Vor allem findet sich das o mit dem Zirkumflex im Namen des Parfüums „“O de Lancôme“ als Kürzel für eau = Wasser.

„Ô d’Oriane“ bildet den dritten, dem Geruchssinn gewidmeten Teil einer Serie über die Sinne, an der Tanya Ury zurzeit arbeitet. Das Bildmaterial imitiert Modeaufnahmen, wie sie in schicken Lifestyle- und Modemagazinen zu finden sind. Dazu wurden englischsprachige Zitate aus Primo Levis „The Mnemogogues“ und Italo Calvinos „The Name, the Nose“ montiert. Und jetzt bemerkt man auch die kleinen, parfümierten Schwämmchen, die an den Tafeln befestigt sind. Das Spiel zwischen Verführen und Verführtwerden, Betrachten und Betrachtetwerden kennt eine verwirrende Vielfalt von Regeln, die sich auch gegenseitig ausschließen können. „O“ steht auch für Öffnung.